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  • Starke Frauen

Alles auf Risiko: Christin Heidrich zeigt, wie es geht

  • Juni 16, 2026
  • 10 minute read
  • Elke Habekost
Foto: Belma Avdić
Foto: Belma Avdić

Christin Heidrich ist eine Berliner Künstlerin, die alles auf eine Karte gesetzt hat. Für ihre kreative Leidenschaft hat sie ihren Beamtenstatus aufgegeben – und das bisher nicht bereut.

Ihre Liebe zur Kunst entdeckte Christin Heidrich, die in der ehemaligen DDR groß geworden ist, schon früh. Doch bevor sie sich ihrer Leidenschaft ganz hingeben konnte, hat sie in einem Beamtenverhältnis gearbeitet. Der Entschluss, dieses aufzugeben und den Weg in die künstlerische Selbstständigkeit zu gehen, war der mutigste Schritt ihres Lebens und zugleich die konsequenteste Entscheidung für ein Leben, das ihrem inneren Ausdruck folgt. Heute widmet sich Christin Heidrich seit Jahren konsequent ihrer Kunst. Ihre Arbeiten waren bereits in verschiedenen Kontexten und Kooperationen präsent, unter anderem mit dem Pullman Berlin Schweizerhof Hotel, dem KaDeWe und der Meoclinic. Wir haben die Berlinerin zum Interview getroffen.

The Curvy Magazine: Christin, du hast eigentlich schon immer Kunst gemacht, aber hast entschieden, sich ihr ganz zu widmen. Warum ausgerechnet jetzt?  

Christin Heidrich: Ich glaube, manche Entscheidungen entstehen nicht plötzlich, auch wenn sie von außen vielleicht so wirken. Die Kunst war eigentlich immer da. Sie war nie nur ein Hobby oder etwas, das nebenbei passiert ist, sondern ein sicherer Raum, in den ich immer wieder zurückgekehrt bin. Irgendwann habe ich gemerkt, dass dieser Raum größer werden will. Der Schritt, mich meiner Kunst wirklich ganz zu widmen, hatte viel mit Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zu tun. Ich hatte lange ein Leben, das Sicherheit gegeben hat. Aber Sicherheit ist nicht automatisch Erfüllung. Irgendwann wurde die Frage lauter: Möchte ich weiter funktionieren oder möchte ich wirklich dem folgen, was in mir ist?Für mich war das kein impulsiver Ausbruch, sondern eher ein Prozess, der mich eben bis zu dieser Entscheidung geführt hat. Man spürt einfach, wenn es soweit ist, weil diese innere Stimme, die einem sagt, welcher Weg der richtige ist, immer lauter wird und einen nicht loslässt. 

Dein Bild „Don’t Quit. Do It.“ scheint für diesen Schritt eine besondere Bedeutung zu haben. Was steckt hinter diesem Werk und warum war gerade dieser Satz so wichtig für dich?

„Don’t Quit. Do It.“ ist für mich viel mehr als ein Bild. Es ist fast wie ein innerer Wendepunkt auf Leinwand. Dieser Satz kam in einem Moment zu mir, in dem ich gespürt habe: Ich darf nicht wieder zurückweichen. Ich darf mich nicht wieder kleinmachen, nur weil der sichere Weg vertrauter erscheint. Das Werk steht für genau diesen Augenblick, in dem Mut wichtiger wird als Absicherung. Es erinnert mich daran, dass wir oft nicht an unseren Träumen scheitern, sondern daran, dass wir ihnen zu lange keinen Raum geben. Man wartet auf den perfekten Moment, auf mehr Sicherheit, auf Zustimmung von außen. Aber manchmal beginnt der eigene Weg genau da, wo man aufhört, sich selbst zu bremsen. Dieses Gefühl war bei mir ganz stark mit einem Sommermoment verbunden. Mit diesem besonderen Berliner Sommerfeeling, wenn die Stadt nachts noch warm ist, alles offen wirkt und man plötzlich das Gefühl hat: Es ist möglich. Ich kann das. Nicht, weil alles schon sicher ist, sondern weil da eine innere Kraft ist, die stärker wird als der Zweifel. Ich war umgeben von anderen Frauen, von Energie, Leichtigkeit, Freiheit und genau daraus entstand dieses Lebensgefühl, das in dem Bild steckt.

Für mich bedeutet „Do It“ nicht, keine Angst zu haben. Es bedeutet, trotz Angst loszugehen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. „Don’t Quit. Do It.“ ist deshalb kein lauter Motivationsspruch, sondern eine Erinnerung an diesen Moment, in dem ich entschieden habe, meiner eigenen Kraft mehr zu glauben als meiner Angst.

„Stark ist für mich eine Frau, die weich bleiben kann, ohne sich zu verlieren„

Was macht für dich denn eine wirklich starke Frau aus?

Eine starke Frau ist für mich nicht unbedingt die, die immer laut ist, alles alleine schafft oder nie zweifelt. Im Gegenteil. Stärke zeigt sich für mich oft viel leiser. Eine starke Frau ist eine, die sich selbst ernst nimmt. Die ihre Intuition nicht permanent übergeht. Die erkennt, wo sie aus Angst handelt und wo aus Wahrheit. Ich glaube, wahre Stärke hat sehr viel mit Selbstbestimmung zu tun. Damit, sich nicht nur über Erwartungen, Rollen oder Vernunft zu definieren. Sondern den Mut zu haben, sich selbst immer wieder neu zu fragen: Was will ich wirklich? Was fühlt sich richtig an? Wo passe ich mich vielleicht nur an? Stark ist für mich eine Frau, die weich bleiben kann, ohne sich zu verlieren. Die Grenzen setzen kann, ohne hart zu werden. Und die sich erlaubt, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn er nicht sofort für alle verständlich ist.

Für mich bedeutet Stärke auch, die eigenen starken und schwachen Seiten anzunehmen. Ich glaube nicht an dieses Bild der Frau, die immer alles schafft, immer funktioniert, immer souverän bleibt und dabei am besten noch alles mühelos unter einen Hut bekommt. Dieses Bild, das uns oft in den Medien gezeigt wird, ist für mich völlig unrealistisch. Eine Frau muss nicht alles schaffen, um stark zu sein. Sie darf müde sein. Sie darf zweifeln. Sie darf sich überfordert fühlen. Sie darf auch schwach sein. Und genau sich das zu erlauben, ist für mich echte Stärke. Gerade als Mama oder als Frau, die versucht, viele Rollen, Erwartungen, Verantwortung und eigene Träume miteinander zu verbinden, zeigt sich Stärke nicht darin, perfekt zu funktionieren. 

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Ein Beitrag geteilt von Christin Heidrich | Contemporary Artist (@christin_heidrich_art)

Wie gelingt es mir als Frau, meine Sicherheit loszulassen?

Ich glaube nicht, dass man Sicherheit einfach loslässt und dann ist man frei. So funktioniert es meistens nicht. Sicherheit ist ja oft etwas, das wir uns aufgebaut haben, weil wir sie gebraucht haben. Deshalb würde ich nie sagen: Spring einfach. Für mich beginnt es eher damit, ehrlich hinzuschauen, welche Sicherheit uns wirklich trägt und welche uns eigentlich begrenzt. Was mir geholfen hat, war, nicht sofort das ganze Leben verändern zu müssen, sondern meiner inneren Stimme wieder mehr Gewicht zu geben. Kleine Entscheidungen anders zu treffen. Mich zu fragen: Handle ich gerade aus Angst oder aus Vertrauen? Bleibe ich, weil es richtig ist, oder bleibe ich, weil ich mich nicht traue?Frauen würde ich raten, sich selbst nicht dafür zu verurteilen, dass sie Sicherheit brauchen. Aber sie sollten prüfen, ob diese Sicherheit noch zu ihnen gehört. Manchmal ist das Festhalten an Sicherheit nur eine sehr elegante Form, sich selbst nicht zu erlauben, größer zu werden.

Mein Leitsatz war irgendwann: Was bedeutet Sicherheit für mich eigentlich wirklich? Ich glaube, genau dieses Wort muss man erst einmal hinterfragen. Lange war Sicherheit für mich sehr stark mit finanzieller Stabilität verbunden, mit einem festen Rahmen, mit etwas, das von außen verlässlich wirkt. Ich habe sogar ein Beamtenverhältnis aufgegeben, also etwas, das gesellschaftlich als Inbegriff von Sicherheit gilt. Und genau dadurch habe ich gemerkt: Sicherheit ist nicht nur ein Vertrag, ein Status oder ein regelmäßiges Einkommen. Sicherheit können auch Menschen sein. Freundinnen. Struktur. Orte, an denen man sich getragen fühlt. Eine innere Klarheit. Das Gefühl, sich selbst nicht zu verlieren, auch wenn außen noch nicht alles feststeht.

Viele Frauen haben Träume, aber bleiben aus Vernunft, Angst oder Verantwortung doch auf einem sicheren Weg. Was hat dir geholfen, trotzdem loszugehen?

Mir hat geholfen zu verstehen, dass Vernunft und Angst manchmal sehr ähnlich klingen. Natürlich gibt es Verantwortung. Natürlich gibt es Verpflichtungen. Aber manchmal versteckt sich hinter dem Satz „Das geht jetzt nicht“ eigentlich die Angst davor, was passiert, wenn es doch geht. Ich habe lange gespürt, dass die Kunst für mich nicht nur etwas Schönes ist, sondern etwas Wesentliches. Sie war der Ort, an dem ich mich frei gefühlt habe. Irgendwann wurde der Gedanke, es nicht zu versuchen, schwerer als die Angst vor dem Versuch. Geholfen hat mir auch, nicht alles kontrollieren zu wollen. Ich musste akzeptieren, dass der eigene Weg nicht immer einen perfekten Plan hat. Manchmal entsteht Klarheit erst im Gehen. Und irgendwann war da dieser Punkt, an dem ich wusste: Wenn ich meiner Kunst nicht folge, verliere ich nicht nur eine Möglichkeit, sondern ein Stück von mir selbst.

In deinem Werk „Do It“ geht es auch darum, andere Frauen zu ermutigen. Ist das etwas, das du mit deiner Kunst bewusst weitergeben möchtest?

Ja, absolut. Aber nicht in einem belehrenden Sinn. Ich möchte niemandem sagen, wie sie leben soll. Meine Kunst soll eher etwas öffnen. Einen Raum, in dem eine Frau vielleicht kurz innehält und spürt: Da ist noch etwas in mir. Etwas, das ich vielleicht lange zurückgestellt habe. „Do It“ trägt für mich eine sehr klare Botschaft: Hör auf, dich selbst kleinzuhalten. Und ich glaube, viele Frauen kennen dieses Gefühl. Man funktioniert, übernimmt Verantwortung, erfüllt Erwartungen und verliert dabei manchmal den Kontakt zur eigenen inneren Stimme. Wenn meine Kunst Frauen daran erinnert, wieder mehr auf diese Stimme zu hören, dann bedeutet mir das sehr viel. Für mich ist Kunst nicht nur Dekoration. Sie kann Haltung sichtbar machen. Sie kann Mut geben. Sie kann etwas in Bewegung bringen. 

Deine Arbeiten wirken oft ruhig, klar und gleichzeitig sehr kraftvoll. Wie entstehen deine Bilder, eher aus einem inneren Gefühl heraus oder aus einer konkreten Idee?

Meistens beginnt es mit einem inneren Gefühl. Es gibt natürlich manchmal eine Idee, ein Wort, eine Farbe, eine Komposition oder einen Satz, der mich beschäftigt. Aber der eigentliche Prozess ist sehr intuitiv. Ich arbeite viel aus einer inneren Bewegung heraus. Mich interessiert nicht, etwas eindeutig abzubilden. Ich möchte eher sichtbar machen, was unter der Oberfläche liegt: Wandel, Grenzen, Übergänge, Freiheit, Spannung, Ruhe. Diese Themen sind nicht immer sofort erklärbar, aber sie sind spürbar. Beim Malen entsteht dann ein Dialog zwischen Kontrolle und Loslassen. Es gibt klare Entscheidungen, aber auch Momente, in denen ich dem Bild folgen muss. Ich mag diese Spannung sehr. Vielleicht entsteht daraus auch diese Wirkung, dass die Arbeiten ruhig erscheinen, aber gleichzeitig eine Kraft in sich tragen.

Im Pullman Berlin Schweizerhof sind deine Arbeiten aktuell in einem sehr besonderen räumlichen Kontext zu sehen. Was verändert sich für dich, wenn ein Bild nicht im Atelier steht, sondern plötzlich in einem Hotelraum lebt?

Im Atelier ist ein Bild noch sehr nah bei mir. Dort ist es Teil meines Prozesses, meiner Gedanken, meiner Energie. Wenn es aber in einen Raum wie das Pullman Berlin Schweizerhof kommt, beginnt es auf eine andere Weise zu leben. Ein Hotel ist ein Ort des Übergangs. Menschen kommen an, reisen weiter, ziehen sich zurück, begegnen einander. Wenn Kunst dort hängt, wird sie Teil dieser Bewegungen. Sie begegnet Menschen nicht in einer klassischen Ausstellungssituation, sondern mitten in einem gelebten Raum. Das finde ich sehr spannend, weil sich die Wirkung eines Bildes dadurch verändert. Es geht nicht mehr nur um das Werk allein, sondern um die Atmosphäre, die es mit dem Raum eingeht. Ein Bild kann einen Raum beruhigen, verdichten, öffnen oder ihm eine ganz eigene Identität geben. Genau diese Raumwirkung interessiert mich sehr.

Wann merkst du selbst, dass ein Bild in einem Raum wirklich ankommt?

Ich merke es oft an der Stille, die entsteht. Wenn ein Bild wirklich in einem Raum ankommt, muss es nicht kämpfen. Es ist präsent, ohne sich aufzudrängen. Es verändert die Atmosphäre und die Energie.  Für mich stimmt ein Bild im Raum, wenn eine Verbindung entsteht zwischen Architektur, Licht, Materialien und Stimmung. Man spürt dann, dass das Werk nicht einfach an der Wand hängt, sondern mit dem Raum spricht. Es gibt Räume, die durch ein Bild weicher werden. Andere werden klarer, mutiger oder emotionaler. Und manchmal merke ich es auch an den Menschen. Wenn jemand stehen bleibt, ohne sofort etwas sagen zu müssen. Wenn nicht direkt erklärt wird, sondern erst einmal gefühlt. Dann weiß ich: Das Bild ist angekommen.

„Wenn jemand vor einem Bild steht und etwas in sich spürt, dann ist schon eine Verbindung entstanden.„

Müssen Frauen deine Bilder verstehen oder reicht es, wenn sie etwas fühlen?

Für mich reicht es vollkommen, wenn sie etwas fühlen. Vielleicht ist das sogar der ehrlichere Zugang. Ich glaube nicht, dass Kunst immer zuerst verstanden werden muss. Gerade abstrakte Kunst öffnet ja einen Raum, in dem nicht alles eindeutig sein muss. Mich interessiert das Uneindeutige. Dass ein Bild für verschiedene Menschen etwas Unterschiedliches bedeuten darf. Eine Frau sieht vielleicht Mut darin, eine andere Ruhe, eine andere Schmerz, eine andere Freiheit. All das darf nebeneinander existieren. Wenn jemand vor einem Bild steht und etwas in sich spürt, dann ist schon eine Verbindung entstanden. Diese Verbindung muss nicht sofort in Worte passen. Manchmal ist das, was ein Bild auslöst, viel wahrer, bevor wir versuchen, es zu erklären.

Wenn du heute auf den Moment zurückblickst, in dem du beschlossen hast, deiner Kunst wirklich zu folgen: Was würdest du der Christin von damals sagen?

Ich würde ihr sagen: Du bist nicht zu spät. Und du bist nicht zu viel. Vertrau diesem Gefühl, auch wenn du noch nicht weißt, wohin es dich führt. Ich würde ihr sagen, dass Angst nicht bedeutet, dass der Weg falsch ist. Manchmal bedeutet sie nur, dass etwas wirklich wichtig ist. Und ich würde ihr sagen, dass sie aufhören darf, auf Erlaubnis zu warten. Nicht jeder muss den eigenen Weg sofort verstehen. Vor allem würde ich ihr sagen: Do It. (lacht) 

Nicht perfekt, nicht ohne Zweifel, nicht mit allen Antworten. Aber geh. Denn der Moment, in dem du deiner inneren Stimme folgst, ist oft der Moment, in dem du beginnst, wirklich frei zu werden.

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