Das Thema Longevity ist in aller Munde. Dr. Jasmin Last gehört zu den Pionierinnen und klärt in ihrem Buch „Beyvond Longevity: Eine Anleitung für ein gesundes, langes Leben. Von der Ärztin, die den Alterungsprozess neu denkt“ auf.
The Curvy Magazine: Vor ein paar Jahren kannte noch kaum jemand das Wort Longevity. Nun ist es zum Trend geworden – was machen die meisten Menschen aus Ihrer Sicht dabei grundlegend falsch?
Dr. Jasmin Last: Longevity an sich, also Langlebigkeit, ist nicht wirklich neu. Ich sage immer salopp, heute hat es einen „fancy“ neuen Namen somit finden es alle toll, früher haben wir es funktionelle Medizin genannt. Ein Irrglaube in diesem Feld allerdings ist für mich, dass alles was mit Longevity zu tun hat „high-end“ sein muss und mit ganz viel Hightech und Biohacking zu tun haben muss – jeder für sich, mit kleinen Dingen zuhause angefangen, kann Longevity betreiben!
Ihr Ansatz gilt als besonders ganzheitlich – was unterscheidet ihn konkret von klassischen Anti-Aging-Strategien?
Wir betrachten nicht nur das Aussen, oder nur das Innen – für uns gehört das alles eigentlich untrennbar zusammen. Wir können noch so sehr an einer einzelnen Falte arbeiten, wenn der Körper aber nicht alles hat um auch wirklich gut versorgt zu sein, dann können wir nie die 150% rausholen, die eigentlich möglich wären. Ich sehe die Haut eher als Spiegel dessen, was im Inneren passiert: Zellenergie, Hormone, Entzündungen, Mikronährstoffe, Darmgesundheit, Schlaf und Stress. Deshalb verbinde ich ästhetische Medizin mit funktioneller Medizin und Prävention. Es geht nicht darum, jemanden künstlich jünger wirken zu lassen, sondern den Körper so zu unterstützen, dass Vitalität wieder sichtbar und spürbar wird.
Wenn Sie Longevity in einem Satz definieren müssten: Geht es um ein längeres Leben oder ein besseres?
Es geht vor allem um ein längeres, GESÜNDERES Leben!
Welche Rolle spielt die individuelle Biologie im Vergleich zu allgemeinen Longevity-Hacks?
Die individuelle Biologie spielt hier schon auch eine Rolle. Deshalb schaue ich mir auch gerne an: Wie ist die Mikronährstoffversorgung? Wie arbeitet der Stoffwechsel? Wie steht es um Hormone, Darm, Stressachse und Regeneration? Allerdings gibt es gewisse kleine Tipps und Tricks, die jeder schon zuhause für sich in seinen Alltag einbringen kann, gesunder, regelmäßiger und ausreichender Schlaf zum Beispiel, aber auch tägliche, moderate Bewegung, gesunde Ernährung. Für all das benötigt man keinen Longevity-Experten.
„Das Schöne: Man muss nicht perfekt starten“
Was hat Ihrer Meinung nach den größten wissenschaftlich belegten Effekt auf ein längeres, gesünderes Leben?
Wenn ich mich auf einen Bereich festlegen müsste, wäre es Bewegung – aber nicht im Sinne von Extremsport. Regelmäßige, alltagsnahe Bewegung kombiniert mit Krafttraining ist einer der stärksten Hebel für gesunde Alterung. Muskeln sind nicht nur für Kraft da, sie sind ein Stoffwechselorgan. Sie beeinflussen Blutzucker, Entzündungen, Hormonbalance, Stabilität und Selbstständigkeit im Alter. Und das Schöne ist: Man muss nicht perfekt starten. Ein täglicher Spaziergang, einfach mal Treppensteigen statt den Aufzug zu nehmen – das kann bereits viel verändern.
Gibt es einen “Longevity-Mythos”, den Sie regelmäßig aufklären müssen?
Ja, dass Longevity bedeutet, nicht altern zu wollen. Das ist für mich ein Missverständnis. Altern gehört zum Leben. Die Frage ist nur: Wie altern wir? Erschöpft, entzündet, fremdbestimmt – oder klar, beweglich, verbunden und mit möglichst viel Lebensqualität? Longevity ist kein Kampf gegen das Alter, sondern ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper. Es geht nicht um ewige Jugend, sondern um das gesunde Älter werden.
Wie stehen Sie zu Supplements: sinnvolle Unterstützung oder überschätzter Markt?
Prinzipiell bin ich sehr pro Supplements. Supplements können sehr sinnvoll sein, wenn sie jedoch gezielt, hochwertig und passend zur Lebensphase eingesetzt werden. Aber sie sind kein Ersatz für Ernährung, Schlaf, Bewegung oder Stressmanagement. Kein Präparat kann einen Lebensstil ausgleichen, der den Körper dauerhaft überfordert. Ich sage gern: Supplemente sind ein Baustein, aber niemals das Fundament. Besonders bei Vitamin D, Omega-3, Magnesium, B-Vitaminen oder Zink sehen wir häufig Defizite – trotzdem sollte man nicht wahllos einnehmen, sondern möglichst verstehen, was der eigene Körper wirklich braucht.
„Ich ignoriere Erschöpfung nicht mehr. Der Körper flüstert of lange, bevor er schreit“
Können Sie uns verraten, was Sie persönlich für Ihre eigene Longevity tun und was davon wirklich unverhandelbar ist?
Ich versuche, sehr ehrlich mit meinem Körper zu bleiben. Nach meiner eigenen Erschöpfungsphase habe ich gelernt, Warnsignale nicht mehr zu übergehen. Für mich gehören regelmäßige Bewegung, eine gute Mikronährstoffversorgung, bewusste Ernährung und vor allem der regelmäßige Schlaf fest dazu. Unverhandelbar ist für mich heute: Ich ignoriere Erschöpfung nicht mehr. Der Körper flüstert oft lange, bevor er schreit.
Gibt es etwas, das Sie früher empfohlen haben und heute nicht mehr?
Ich bin heute deutlich zurückhaltender mit pauschalen Empfehlungen. Früher dachte ich manchmal schneller in einzelnen Lösungen: ein Präparat, eine Behandlung, ein klarer Plan. Heute weiß ich noch stärker: Der Kontext entscheidet. Ein Nährstoff kann sinnvoll sein – oder nicht. Eine ästhetische Behandlung kann wunderbar unterstützen – oder zu früh kommen, wenn der Körper innerlich erschöpft ist. Ich empfehle heute weniger „Schema F“ und mehr echtes Hinsehen.
Viele glauben, dass Longevity vor allem auf die äußere Schönheit abzielt. Wie stark fließen mentale Gesundheit und Stressmanagement in Ihr Konzept ein?
Sehr stark. Ohne mentale Gesundheit gibt es für mich keine echte Longevity. Chronischer Stress verändert den Schlaf, die Hormone, das Immunsystem, die Haut und die Zellregeneration. Viele Menschen funktionieren nach außen, während der Körper innerlich längst im Notmodus läuft. Deshalb gehören Stressmanagement, Resilienz, Achtsamkeit, Hormone und auch soziale Verbindung für mich genauso dazu wie Ernährung, Mikronährstoffe oder Bewegung. Schönheit entsteht nicht nur im Spiegel, sondern auch im Nervensystem.

Wenn ich heute damit starten möchte, mein Leben zu verändern: Womit fange ich dann realistisch gesehen am besten an?
Nicht mit zehn Dingen gleichzeitig. Ich würde mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme beginnen: Wie schlafe ich? Wie bewege ich mich? Wie esse ich? Wie viel Stress halte ich für normal, obwohl er mir längst nicht mehr guttut? Dann ein kleiner Schritt: jeden Tag zehn Minuten gehen, morgens Tageslicht, abends weniger Handy, eine echte Mahlzeit mehr, ein Glas Wasser mehr. Das klingt unspektakulär, aber genau dort beginnt Veränderung. Longevity ist keine große Entscheidung irgendwann, sondern viele kleine Entscheidungen heute.








